Zwei Vorstellungen am Berliner Ensemble
Von Alessandro Tinterri (Übersetzung von Elisa Tinterri)
Data di pubblicazione su web 26/06/2026
Mit einem Fest im Innenhof des Berliner Ensembles (Helene-Weigel-Hof) wurde am Sonntag, dem 10. Mai 2026, die Helene Weigel (Wien 1900–Berlin 1971) gewidmete Installation eingeweiht. Sie wurde von Monica Bonvicini (die Künstlerin wurde in Venedig geboren und absolvierte ihre Ausbildung in Berlin, wo sie heute den Lehrstuhl für Bildhauerei an der Universität der Künste innehat) und ihren Schüler:innen verwirklicht und durch eine öffentliche Spendenaktion finanziert. Eine kollektive und zugleich soziale Initiative wie es auch das Theater ist, dessen Leitung Weigel nach dem Tod ihres Mannes Bertolt Brecht im Jahr 1956 übernahm. An die Schauspielerin (erste Mutter Courage der Theatergeschichte, über 500 Mal von ihr gespielt) erinnern eine Vitrine mit einem roten Regiestuhl, ein Porträt und eine Tonaufnahme ihrer Stimme.

Hinter der Installation befindet sich das Neue Haus, in dem die aktuelle Inszenierung von Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray aufgeführt wird, der von Heiki Riipinen für die Bühne adaptiert wurde und bei der er auch Regie führt. In Wildes gotisch-philosophischem Roman ist Dorian Gray der Protagonist, der bereit ist, einen teuflischen Pakt einzugehen, um seine jugendliche Schönheit zu bewahren, indem er die Spuren der Zeit und seines moralischen Verfalls auf das wundersame Gemälde überträgt. Auf der Bühne des Neuen Hauses verwandelt sich die von Wilde imaginierte Geschichte vor einem Publikum von 170 Zuschauer:innen in ein intimes Porträt: ein minimalistisches Bühnenbild (Ingrid Tønder), bestehend aus wenigen Einrichtungselementen und doppelseitigen, schwarz-goldenen Vorhängen, ästhetisierende oder ausgefallene Kostüme, wie das des Protagonisten, gespielt vom jungen Max Gindorff (Luxemburg 1994, Studium in Wien, wo er am Burgtheater debütierte; uns war er bereits durch sein Können in Zwei Aufführungen in Berlin, aufgefallen).
Gindorff ist ein Dorian Gray, mal launisch und zerstreut, mal orientierungslos und verzweifelt, der als einsamer Narziss in Cache sex, isoliert durch Kopfhörer und Walkman, sogar während der achtzehnminütigen Pause, in der er weiter tanzt, die Bühne beherrscht. Der Soundtrack der Aufführung reicht von Chopin bis hin zu Charli XCX, der bekannten britischen Sängerin und Komponistin. Erst kürzlich verfasste sie gemeinsam mit Anthony Willis den Soundtrack zu Emerald Fennells Film Wuthering Heights (2026), der auf dem Roman von Emily Brontë basiert – hierbei sei auch auf die berühmte Verfilmung von William Wyler aus dem Jahr 1939 mit Laurence Olivier verwiesen. Der Protagonist wird von Gabriel Schneider in der Rolle des perversen Dandys Lord Henry flankiert sowie von Paul Zichner und der wandlungsfähigen Amal Keller, die im Laufe der Handlung mehrere Rollen übernehmen. Im Finale schlüpft Letztere in die Rolle von Oscar Wilde und erzählt von dessen letzten Lebenstagen.

In einem Radiointerview erklärt Gindorff, dass es in der szenischen Darstellung kein Porträt gibt, sondern lediglich ein imaginäres Bild, das faktisch mit dem Blick des Publikums übereinstimmt. Dadurch ist es dem Protagonisten möglich, sich an die Zuschauer:innen zu wenden, eine Art Gespräch mit ihnen herzustellen und so die vierte Wand zu durchbrechen. Die Interpretation des Regisseurs projiziert das viktorianische Zeitalter auf die Obsessionen der heutigen Gesellschaft: Sex und ewige Jugend, gepaart mit einem unerreichbaren Ideal körperlicher Perfektion. Ideale, die in der Bildgesellschaft durch Werbung und Schönheitsoperationen verstärkt werden und letztlich ein unerkennbares, wenn nicht gar groteskes Selbstbild vermitteln.
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Intendant der Volksbühne, ununterbrochen von 1992 bis 2017, die sich unter seiner Leitung als das interessanteste Innovationstheater der deutschen Hauptstadt etablierte, kehrt Frank Castorf (Ost-Berlin 1951) mit der Inszenierung von Kleiner Mann, was nun?, einem Roman von Hans Fallada (1893–1947), nach Berlin zurück. Der Roman erschien 1932 in zensierter Fassung (E adesso, pover’uomo?, Mondadori 1932) und nach dem Zweiten Weltkrieg in ungekürzter Fassung (Sellerio 2008). Der Roman erzählt die Wechselfälle eines bescheidenen Kleinbürgers im Berlin der Weimarer Republik, das von der Wirtschaftskrise, sozialen Konflikten und politischen Auseinandersetzungen erschüttert wurde, die unweigerlich zum Aufstieg des Nationalsozialismus führen sollten. Der Buchhalter Pinneberg ist nur einer von vielen Arbeiter:innen und Angestellten, die ums Überleben kämpfen und vom Gespenst der Arbeitslosigkeit heimgesucht werden. Gerade als seine junge Frau Lämmchen (Maeve Metelka) schwanger ist, wird er entlassen. Seine Mutter, eine Lebedame aus Berlin, verschafft ihm eine Stelle als Verkäufer im Kaufhaus Mandels, doch der arme Pinneberg hält dem Druck seines Abteilungsleiters nicht stand und, unter dem Zwang, immer mehr verkaufen zu müssen, fleht er einen bekannten Filmschauspieler an, bei ihm Kleidung zu kaufen. Dieser reagiert jedoch mit einer Beschwerde beim Kaufhausbesitzer, was zu seiner Entlassung führt.

Die Vorstellung von Pinnebergs verachtenswerter Mutter (die großartige Artemis Chalkidou) erfolgt durch ein Video, gedreht in einer Art unterirdischem Labyrinth, das auf das nächtliche Milieu ihrer Lokale anspielt, in denen sie und ihr Liebhaber (der hervorragende Andreas Döhler) umherirren – er betrunken und sie nackt, im Rausch der Drogen. Eine kraftvolle Sequenz, die die Verdorbenheit, in die die beiden Figuren versunken sind, gut zum Ausdruck bringt. Charakteristisch für Castorfs postdramatische Poetik ist nämlich der wiederholte Einsatz von Videoprojektionen im Wechsel mit Live-Szenen – eine Wahl, die niemals willkürlich, sondern funktional ist und stets von der strengen Dramaturgie des Stücks getragen wird. An der Schnittstelle zwischen Stanislavskij und Brecht hat sich Castorf davon gelöst und seinen eigenen, originellen Weg gefunden.
Ein weiteres Merkmal Castorfs ist die Vermischung von Texten. Im vorliegenden Fall erfolgt dies in Form einer dramaturgischen Verflechtung aus dem im Titel erwähnten Roman, einem Text namens Die Kuh, der Schuh, dann du (eine Alliteration, die in der italienischen Übersetzung La mucca, la scarpa, poi tu nicht wiedergegeben werden kann) stammend aus der Zeit als Fallada zur Entwöhnung von Morphin- und Kokainmissbrauch in einer psychiatrischen Klinik interniert war, Die Schlacht von Heiner Müller (1929–1995) sowie der Erzählung vom Unfalltod Falladas, der auf einen fatalen Fehler seiner Frau bei der Verabreichung von Medikamenten zurückzuführen ist. Und so erleben wir am Ende des ersten Aktes eine Szene – diesmal eine reale – aus dem Theater des Absurden (die Vorliebe des Regisseurs für das Theater von Ionesco ist bekannt), in der ein Fahrzeug, ähnlich unserem Ape, die Bühne betritt und eine große Kuh aus Pappmaché transportiert.

Der zweite Akt ist ein einfallsreiches und spannungsgeladenes Crescendo. Beginnend mit der genialen Idee des Regisseurs, den bekannten Filmschauspieler in eine berühmte Schauspielerin – eine Art Zarah Leander – zu verwandeln. Dadurch wird in der Konfrontation mit dem Verkäufer Pinneberg (Maximilian Diehle) ein subtiles Verführungsspiel ins Leben gerufen, das sich im ständigen Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion abspielt. Dieses wird von Pauline Knof meisterhaft interpretiert und durch die Nah- und Extremnahaufnahmen der Videoaufnahmen, die auf zwei große Leinwände projiziert werden, noch verstärkt. Die Vielzahl der Ebenen innerhalb des Kaufhauses bestimmt die Dynamik der Szene, zusammen mit einem Spiel mit Spiegeln, das an Orson Welles’ Die Lady von Shanghai erinnert.
Zuletzt zeigt uns Castorf – in Anlehnung an Heiner Müllers Die Schlacht, indem sich die Kamera unter der Bühne des Berliner Ensembles wie in einem unterirdischen Bunker bewegt – eine Gruppe von Frauen und Männern, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf die Ankunft der Russen warten: während sich oben, vor den Augen der im Parkett sitzenden Zuschauer:innen, die ikonische Drehbühne aus Mutter Courage unaufhörlich wie ein Glücksrad weiterdreht, sieht dasselbe Publikum auf den Bildschirmen die darunter liegenden Mechanismen, die Riemenscheiben stammend aus sowjetischen Panzern, die die Bewegung antreiben und andere die in einer Ecke zusammengetürmt liegen. Und so vollendet sich das Schicksal dieser letzten namenlosen Individuen, die stellvertretend für Millionen von Menschen stehen, die den Ereignissen ausgeliefert sind, überlebende Zeug:innen des Wahnsinns des Krieges, namenlose Opfer einer Geschichte, die sie überragt, gleich wie den kleinen Mann Pinneberg.
Cast& Credits
Das Bildnis des Dorian Gray
von Oscar Wilde in einer Bearbeitung von Heiki Riipinen, aus dem Englischen von Johannes Nölting unter Verwendung der Übersetzung von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Premiere am 19. März 2026 im Neues Haus.
Mit Max Gindorff (Dorian Gray), Gabriel Schneider (Lord Henry), Paul Zichner (Basil Hallward/Alan Campbell/Sir Geoffrey), Amal Keller (Sibyl Vane/James Vane/Oscar Wilde).
Regie Heiki Riipinen, Bühne Ingrid Tønder, Kostüme Louise-Fee Nitschke, Musik Amund Ulvestad, Licht Hans Fründt, Robert Matysiak, Dramaturgie: Johannes Nölting.
Kleiner Mann-Was nun?
von Hans Fallada, in einer Textfassung von Frank Castorf
mit Artemis Chalkidou, Maximilian Diehle, Andreas Döhler, Jonathan Kempf, Pauline Knof, Maeve Metelka, Gabriel Schneider.
Live-Kamera Andreas Deinert, Kathrin Krottenthaler, Harald Mellwig; Tonangel Jonathan Bruns, Theo von Mechow; Live-Schnitt Jens Crull, Verena Buttmann; Live-Schnitt-Assistentin: Sarah Rosengarten.
Regie Frank Castorf; Bühne Aleksandar Denic; Kostüme Adriana Braga Peretzki; Sounddesign William Minke; Licht Rainer Casper; Videokonzeption Jens Crull, Andreas Deinert; Dramaturgie Amelie Joana Haag; Künstlerische Produktionsleitung Sebastian Klink.