Zwei Aufführungen in Berlin
Von Alessandro Tinterri (Übersetzung von Elisa Tinterri)
Data di pubblicazione su web 12/01/2026
Im Repertoiretheater, was das deutschsprachige Theater auszeichnet, trifft man auf zwei sehr unterschiedliche Stücke, die zwar keine Neuheiten sind, aber unterschiedliche Tendenzen der zeitgenössischen Dramatik in zwei historischen Theatern Berlins repräsentieren: Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch im Berliner Ensemble und Ophelia’s Got Talent von Florentina Holzinger in der Volksbühne. Das erste Stück ist vielleicht das bekannteste Drama des Schweizer Dramatikers, das zweite eine aktuelle Produktion der viel diskutierten österreichischen Regisseurin.
Das Hörspiel Herr Biedermann und die Brandstifter wurde 1953 erstmals vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt und in Lucio Ridentis Zeitschrift „Il dramma” vom August-September 1960 unter dem Titel Herr Biedermann e gli incendiari in der Übersetzung von Aloisio Rendi
veröffentlicht. In der Theaterfassung Biedermann und die Brandstifter wurde das Stück am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Das Drama wurde anschließend 1961 im Suhrkamp Verlag publiziert und erschien 1962 bei Feltrinelli unter dem Titel Omobono e gli incendiari zusammen mit anderen Texten (Graf Öderland, Don Juan oder die Liebe zur Geometrie, Die große Wut des Philipp Hotz und Andorra) in einem von Enrico Filippini herausgegebenen Band mit dem Titel Il teatro di Max Frisch (Das Theater von Max Frisch) in der italienischen Übersetzung von Filippini selbst.

Ein Standfoto aus "Biedermann und die Brandstifter"
In Anlehnung an Brechts Lehrstücke bezeichnete Frisch sein Werk als „ein Lehrstück ohne Lehre” und tatsächlich scheint der Autor nicht Partei ergreifen zu wollen zwischen dem reichen Gottlieb Biedermann, zynischer Unternehmer einer Haarwasserfabrik, seiner Frau Babette und den Eindringlingen, die sich auf dem Dachboden seines Hauses einnisten und drohen, es in Brand zu setzen. Seit einiger Zeit treiben mysteriöse Gestalten in der Stadt ihr Unwesen, die überall Brände legen und die soziale Ordnung untergraben. Gottlieb, dessen Name auf seine selbstgerechte Heuchelei anspielt, ist zwar in der Lage, seinen vertrauten Mitarbeiter namens Knechtling fristlos zu entlassen und seine Familie in den Ruin zu treiben, aber dennoch bereit, dem Landstreicher Schmitz Unterschlupf zu gewähren, um sein angeblich gutes Herz zu beweisen. Mit seinen eleganten Manieren und seiner Redegewandtheit umgarnt Schmitz Biedermann, der trotz der Warnungen seiner Frau in die Falle tappt und schließlich auch den Komplizen Eisenring aufnimmt. Er gibt sich der Illusion hin, mit seiner zur Schau gestellten Menschenfreundlichkeit die beiden Brandstifter besänftigen zu können. Unterdessen stapeln diese Benzinkanister auf dem Dachboden, ohne jedoch ein Geheimnis aus ihren Absichten zu machen und behaupten, dass der Wahrheit ohnehin nie geglaubt wird. Als die Biedermanns erleichtert die Sirenen in der Ferne hören, die den Einsatz der Feuerwehr in anderen Stadtteilen signalisieren, enthüllen die beiden Brandstifter unverblümt ihre Taktik, die Feuerwehr mit kunstvoll gelegten Bränden woanders hingelockt zu haben, um sie vom Hauptziel abzulenken. Gottlieb Biedermann klammert sich jedoch weiterhin an seine trügerischen Illusionen und leugnet die drohende Katastrophe.

Ein Standfoto aus "Biedermann und die Brandstifter"
Eine überraschend aktuelle Fabel mit einer wirkungsvollen humoristischen Note über das fragile Gleichgewicht einer Welt, die auf scheinbar soliden Grundlagen aufgebaut ist, doch durch einen Hauch von Wahnsinn zerstört werden kann. Biedermann und die Brandstifter unter der Regie der jungen Regisseurin Fritzi Wartenberg (Köln 1997) feierte am 29. November 2024 im Grossen Haus, der Hauptbühne des Berliner Ensembles, Premiere. Die Regisseurin hat die vom Autor beabsichtigte Verfremdung in ein Stück mit komisch-grotesker Atmosphäre umgesetzt, das durch seine szenischen Erfindungen unterhält und überrascht. Angefangen bei der großen Puppenbühne der Bühnenbildnerin Jessica Rocktroh, die die Szene dominiert, bis hin zu den farbenfrohen Kostümen von Esther von der Decken. Die Darsteller*innen sind großartig, von Kathrin Wehlisch en travesti als aufgeblasener Biedermann über den spöttischen und einschmeichelnden Brandstifter Schmitz von Max Gindorff, der reumütigen Frau Biedermann von Pauline Knof mit ihrer übertriebenen Frisur bis hin zu Maximilian Diehle als bärtiger Kellner. Ein echter Coup de Théâtre, als er aus dem Puppenhaus auf die Bühne schwebt und sich in seiner ganzen, eines Basketballspielers würdigen Größe offenbart. Ohne die Brecht'schen Chöre und die Figur des intellektuellen Philosophen, der sich in der Originalfassung von den beiden Anarcho-Terroristen distanziert, eilt die Fabel geschickt in einer metatheatralischen Enthüllung dem endgültigen Zusammenbruch des gesamten Bühnenbildes durch die Bühnenarbeiter*innen entgegen.
Ophelia's Got Talent ist ganz anders geartet und reiht sich in die heterodoxe Tradition der Volksbühne seit der Zeit von Benno Besson ein, der nach seiner Ernennung zum Intendanten erst einmal die Loge und die ihr angeschlossene Bar, die zuvor der Parteinomenklatura der DDR vorbehalten waren, abschaffte und sich damit buchstäblich auf das Volkstheater, eben die Volksbühne, bezog. Die Aufführung, deren Premiere am 15. September 2022 stattfand, wurde von Florentina Holzinger, die auch zu den Darstellenden gehört, geschrieben und inszeniert, soll für Minderjährige nicht geeignet sein und dauert zwei Stunden und vierzig Minuten ohne Pause.

Ein Standfoto aus "Ophelia's Got Talent"
Es beginnt als Parodie amerikanischer Fernsehshows, die in den Programmen von Fernsehsendern auf der ganzen Welt weit verbreitet sind und in denen mehr oder weniger exzentrische Talente in Herausforderungen an der Grenze zum Extremen auftreten. Auf der Bühne erinnern ein Schwimmbecken mit drei Bahnen sowie zwei Wasserbecken an das Zeitalter des Aquariums, das Thema der gesamten interaktiven Performance mit dem Publikum, die mit Videos gespickt und reich an Spezialeffekten ist. Diese werden von diskreten Kameras der neuesten Generation wiedergegeben, die das Bild vervielfachen können, je nach Perspektive, darunter auch die Erkundung des Körperinneren. Der Körper, rigoros nackt, ist schließlich der absolute Protagonist, und wird von vielen Darstellerinnen unterschiedlichen Alters gespielt, unterstützt von sechs bekleideten jungen Mädchen. Aber wie man weiß, liegt die Bosheit im Auge des Betrachters, und nach kurzer Zeit nimmt man von den Körpern nichts anderes mehr wahr als ihre Natürlichkeit. Den sehr jungen Darstellerinnen, die im letzten Teil auftreten, wird die Botschaft der Hoffnung und des Vertrauens in eine mögliche bessere Zukunft anvertraut, trotz der Menge an Plastikflaschen, die von oben herabregnen und das Schwimmbecken verschmutzen, in dem bis kurz zuvor Körper schwammen, die frei von jeglichen Zwängen waren. Die aquatische Dimension erinnert suggestiv an zahlreiche mythologische Frauenfiguren, von Meerjungfrauen bis zu Nymphen, von Leda bis Melusina, ohne die Shakespeare'sche Ophelia zu vergessen, eine tragische Figur, die im Titel heraufbeschworen wird, oder Popfiguren wie Captain Hook. Es handelt sich in der Tat um eine Darstellung, die alles andere als paradiesisch ist, nicht frei von Geschichten über häusliche Gewalt, verstörenden Darstellungen von Selbstverletzung bis hin zur Live-Tätowierung einer Person aus dem Publikum. An einem bestimmten Punkt landet im Lärm der Rotoren ein Hubschrauber, an dem sich einige Darstellerinnen festhalten und in der Luft schweben, bevor sie in den darunter liegenden Pool stürzen.

Ein Abtauchen in die komplexe, bisweilen beunruhigende Realität unserer Zeit, mal parodistisch, mal beklemmend, das trotz seiner apokalyptischen Züge einen Funken Hoffnung aufblitzen lässt. In einem Übermaß an Stroboskoplicht und Soundeffekten entfaltet sich die Darstellung unserer Bildkultur, in der das teilnehmende Publikum an das Phänomen der Rocky Horror Picture Show erinnert.
Besetzung & Credits
Biedermann und die Brandstifter
Ein didaktisches Drama ohne Moral
von Max Frisch, Berlin, Berliner Ensemble, 17. Dezember 2025, Regie: Fritzi Wartenberg:
Gottlieb Biedermann, Kathrin Wehlisch; Babette Biedermann, Pauline Knof; Anna, Maximilian Diehle; Schmitz, Max Gindorff; Eisenring, Maeve Metelka; Ein Polizist, Pauline Knof; Bühnenbild von Jessica Rockstroh; Kostüme von Esther von der Decken; Musik von David Rimsky-Korsakow; Licht von Steffen Heinke; Dramaturgie von Sibylle Baschung
Ophelia’s got Talent
von Florentina Holzinger, Berlin, Volksbühne, 18. Dezember 2025, Regie: Florentina Holzinger:
mit Melody Alia, Saioa Alvarez Ruiz, Inga Busch, Renée Copraij, Sophie Duncan, Fibi Eyewalker, Paige A. Flash, Folrentina Holzinger, Annina Machaz, Xana Novais, Netti Nüganen, Urška Preis, Babett Niclas, Yora Schlemm, Rebecca Sickmüllerund Adele Brinkmeier, Stella Adriana Bergmann, Liv Bohse, Greta Grip, Golda Kaden, Fiene Lydia Kaever, Izzy (Isadora) Kleiner, Elin Nordin, Rosa Shaw, Lenya Tewes, Thea Wagenknecht, Laila Yoalli Waschke, Zoë Willens; Ton: Stefan Schneider; Musik: Paige A. Flash, Urška Preis, Stefan Schneider; Bühnenbild von Nikola Knežević; Licht von Anna Meeussen; Video von Melody Allia, Jens Crull, Max Heesen; Live-Kamera Melody Allia; Echtzeit-Schnitt Max Heesen; Dramaturgie Renée Copraij, Sara Ostertag, Fernando Belfiore, Michele Rizzo; Dramaturgie Volksbühne Johanna Kobusch; Technische Leitung Stephan Werner.
Die italienische Version des Artikels finden Sie hier