Beim Berliner Theatertreffen hebt sich der Vorhang über das deutschsprachige Theater

Von Alessandro Tinterri (Übersetzung von Elisa Tinterri)

Data di pubblicazione su web 01/07/2026

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Das Berliner Theatertreffen, das in den frühen 1960er Jahren mitten im Kalten Krieg in West-Berlin ins Leben gerufen wurde, ist eine jährliche Veranstaltung, die im Mai in Berlin stattfindet und bei der die zehn besten Theaterproduktionen aus dem deutschsprachigen Raum präsentiert werden, die von einer Jury aus Theaterkritikern ausgewählt werden.

Die 63. Ausgabe eröffnete am 1. Mai mit Il Gattopardo, einer dramatischen Adaption von Pinar Karabulut und Hannah Schünemann nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957) in der Übersetzung von Burkhart Kroeber, unter der Regie von Pinar Karabulut, produziert vom Schauspielhaus Zürich und aufgeführt auf der Hauptbühne des Hauses der Berliner Festspiele. Es wäre unverhältnismäßig, das Stück mit Luchino Viscontis Film Il Gattopardo (1963) zu vergleichen, allein schon wegen des Paares Claudia Cardinale (Angelica) und Alain Delon (Tancredi), ganz zu schweigen von Burt Lancaster (Fabrizio, Prinz von Salina). Hervorzuheben ist hingegen der historische Ansatz der Zürcher Inszenierung ohne modernistische Zwänge.

Beginnend bei der grandiosen Bühnenbildgestaltung von Michela Flück, die die gesamte Tiefe der großen Bühne ausschöpft, bis hin zu den wertvollen Kostümen von Sara Valentina Giancane. Markus Scheumann, aristokratisch und elegant, ist ein überzeugender Fabrizio, dem der lange Schlussmonolog anvertraut ist. Sophia Mercedes Burtscher spielt seine melancholische und leidvolle Tochter in einer Darstellung, die Lucilla Morlacchis Concetta aus Visconti-Zeiten nicht nachsteht. Man spürt den Reiz, den die Exotik des Landes, in dem die Zitronen blühen, bei der Auswahl des Textes ausgeübt hat. Doch in der Tanzszene (die im Film nicht nur wegen ihrer Länge unvergesslich ist) wäre es angemessen gewesen, Komparsen einzusetzen, möglicherweise durch den Einsatz von Spiegeln vervielfacht, um den Eindruck eines Familienfestes zu vermeiden.



Ein Standfoto aus "Il gattopardo" 
 © Krafft Angerer

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Das 1936 erschienene Werk Mephisto. Roman einer Karriere von Klaus Mann (1906–1949) ist ein Schlüsselroman, der von der biografisch-künstlerischen Laufbahn des Schauspielers Gustav Gründgens (1899-1963) inspiriert ist, dem Schwager des Autors, der dessen Schwester Erika in einer kurzlebigen Ehe geheiratet hatte (von 1926 bis 1929). 1936 wird Gründgens Marianne Hoppe (1909-2002) heiraten, eine gefeierte Film- und Theaterstar im nationalsozialistischen Deutschland.

Hoppe kehrte 1995 in der Inszenierung von Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui unter der Regie von Heiner Müller mit Martin Wuttke in der Rolle des Arturo Ui auf die Bühne zurück, wo die Schauspielerin die (männliche) Rolle des Schauspielers spielte, der Arturo Ui Unterricht erteilt, inspiriert von Brecht durch Gründgens. Klaus Mann widmete seinen Roman seinerseits der jüdischen Schauspielerin Therese Giehse, der Geliebten von Erika Mann, mit der sie das Kabarett Pfeffermühle gründete. Auf dieses komplexe Geflecht aus biografischen und künstlerischen Verflechtungen sowie auf den politisch-kulturellen Hintergrund Deutschlands zwischen den beiden Weltkriegen bezieht sich der Mephisto der Münchner Kammerspiele unter der Regie von Jette Steckel. Protagonist ist Hendrik Höfgen (Thomas Schmauser), ein etablierter und talentierter Schauspieler, der mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus den Verlockungen der Macht erliegt und seine politische Vergangenheit als Regimegegner seiner Karriere opfert, um zum künstlerischen Aushängeschild des Regimes zu werden und sich in Berlin niederzulassen, wo er die Rolle des Mephistopheles in Goethes Faust zu seinem Markenzeichen macht.

Es ist ein beunruhigender Apolog über das schwierige Verhältnis zwischen Kunst und Politik in einem totalitären Regime. Trotz einer Laufzeit von fast vier Stunden fesselt und mitreißt die Inszenierung, ohne jemals an Spannung zu verlieren, dank des Könnens der Darsteller:innen, der mitreißenden Dynamik der essenziellen Bühnenbilder von Florian Löscher, der Musik von Mark Badur und Elias Krischke sowie des Lichtdesigns von Maximilian Kraußmüller. Der hervorragende Thomas Schmauser verkörpert einen ausgewogenen Hendrik Höfgen, der selten übertrieben wirkt, oft fassungslos und in seiner Schwäche verloren erscheint, gegenüber seiner Partnerin Barbara Bruckner, einer jüdischen Schauspielerin, die von der ebenso talentierten Linda Pöppel gespielt wird: hart und streng, klar und bisweilen spöttisch.



Ein Standfoto aus "Mefisto" 
 © Armin Smailovic


Als Gegenpol dazu steht Johanna Elworth, die die Geliebte des Nazi-Führers spielt, mittelmäßig wie ehrgeizig, die von der Vorstellung verführt ist, an der Seite des großen Mephisto die Margherita zu sein; äußerst unterhaltsam ist Maren Solty in der Kabarett-Szene als junge Schauspielerin Nicoletta von Niebuhr, die begierig darauf ist, Karriere zu machen; Bless Amada, mit ihrem durchtrainierten Körper, in der Rolle des Julien Martens, dem PoC-Liebhaber (hier als Mann dargestellt) des Protagonisten, der ihn am Ende seiner Karriere opfern wird, führt das doppelte Thema der rassistischen und sexuellen Diskriminierung ein; Edmund Telgenkämper ist in den drei Figuren, denen er sein Gesicht leiht, stets überzeugend, bis hin zum arroganten, vulgären und perversen Ministerpräsidenten des Dritten Reiches; Elias Krischke stellt sein doppeltes Talent als Live-Musiker und Schauspieler in der Rolle des Hans Miklas unter Beweis, eines jungen Nazis, der schließlich Opfer seines eigenen Idealismus wird; Martin Weigel ist Otto Ulrichs, der kommunistische Genosse, der seinen Idealen treu bleibt und – ohne ihn zu verurteilen – die Stimme des Gewissens von Hendrik verkörpert.

Charakteristisch für die Münchner Kammerspiele ist die Einbeziehung von Schauspieler:innen mit Beeinträchtigungen (man denke an Peter Radtke, den Hauptdarsteller in Gaston Salvatores Stalin, der 1989 an den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurde); hier sehen wir den überzeugenden Erwin Aliukić in den drei ihm anvertrauten Rollen korrupter Intellektueller: Theophil Marder, Cäsar von Muck und Gottfried Benn.

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Die junge britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart, die für das Theater Basel die Originalinszenierung von Tennessee Williams’ Die Glasmenagerie inszeniert hat, die am 5. Mai im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wurde, präsentiert eine interessante Interpretation, die vor allem darauf abzielt, die Frauenrollen der alleinerziehenden Mutter Amanda Wingfield (Hilke Alterfohne) zu beleuchten, mit ihren Frustrationen und unerfüllten Sehnsüchten, die vor allem auf ihre beiden Kinder Laura und Tom projiziert werden. Laura (Antoinette Ulrich) ist zurückhaltend und unsicher, gefangen in einer Teenagerblase, in deren Mittelpunkt ihre Sammlung von Glasfiguren steht, während Tom (Jan Bluthardt), der die Familie finanziell unterstützt, davon träumt, Dichter zu werden, und in den Kinosälen nach einer Flucht aus einem eintönigen und beengenden Dasein sucht. Die bedrückende familiäre Atmosphäre wird durch die Ankunft von Jim O’Connor (Julian Anatol Schneider) auf einem Sportmotorrad durchbrochen, einem jungen Freund von Tom, Lauras Schulschwarm und Träger einer lang ersehnten Wende, die jedoch mit dem symbolischen, versehentlichen Zerbrechen des Einhorns, dem Lieblingstier des Mädchens, schnell verfliegt.

Ein visuell beeindruckendes Stück, angefangen bei dem Bühnenbild von Rosie Elnile, das aus einer Treppe besteht, die den Zugang zum kargen Innenraum mit seinen unverputzten Betonwänden und einigen wenigen Einrichtungsgegenständen sowie einer Waschmaschine und anderen Haushaltsgeräten ermöglicht. Die Unsicherheit der Figuren spiegelt sich im prekären Gleichgewicht der Darsteller:innen wider, die auf modernen, vibrierenden Fitness-Plattformen stehen; ihre Anspannung entlädt sich plötzlich in einer Art motorischer Raserei, während alles vibriert, einschließlich des Tisches während des unheilvollen Abendessens. Das Gesamtbild vermittelt uns, nicht ohne Ironie, „eine leise, zeichenstarke, berührende Arbeit!“, wie es in der Begründung der Kritikerin Alexandra Kedves für die Jury des Theatertreffens heißt.

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Am Freitag, dem 15. Mai, war im Hans-Otto-Theater in Potsdam Serotonin an der Reihe, eine Theateradaption von Sebastian Hartmann in der Übersetzung von Stephan Kleiner des Romans Sérotonine von Michel Houellebecq aus dem Jahr 2019, mit Guido Lambrecht als einzigem Darsteller. Beide, Hartmann und Lambrecht, kommen aus Leipzig und waren zuvor an der Berliner Volksbühne. Ein ganz in Weiß gekleideter Schauspieler, der auf einer weißen Holzbank in einem weißen Raum sitzt, der von einem gleichbleibenden, natürlich weißen Licht beleuchtet wird, trägt einen über fünfstündigen Monolog ohne Pause vor. Nach einer Stunde steht er auf, setzt seinen Monolog im Stehen fort, setzt sich dann wieder hin; es kommt auch vor, dass er sich mit den Beinen auf der Bank auf den Boden legt oder sich neben die Bank ausstreckt. Ganz offensichtlich eine Herausforderung gegenüber dem Publikum, aber auch gegenüber sich selbst, der sich der Schauspieler Guido Lambrecht weder entziehen konnte noch wollte, wohlwissend, dass dies zu einem Erfolg oder zu einem sensationellen Fiasko hätte führen können.

Mit absoluter Gelassenheit beobachtet er das Kommen und Gehen der Zuschauer:innen, seien es nun Nachzügler:innen (auch mit einer Stunde Verspätung) oder jene, die nach und nach die Metalltreppe hinuntersteigen, um zu gehen. Lambrecht hält für einen Moment inne, um sie mit dem seraphischen, siderisch distanzierten Blick zu begleiten, wie jemand, der bereits alles einkalkuliert hat. Eine extreme Erfahrung für den Schauspieler, der während der gesamten Zeit keinen Tropfen Wasser trinkt. Gegenstand der Erzählung, die monoton wie ein Bewusstseinsstrom verläuft, ist die gescheiterte Lebensbilanz von Florent-Claude Labrouste, dem Protagonisten des Romans, die Geschichte eines Lebens voller Einsamkeit und Depressionen, schonungslos in der Analyse seines Sexuallebens.



Ein Standfoto aus "Serotonin" 
 © Thomas M. Jauk


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Fräulein Else (1931) ist eine Novelle oder, wenn man so will, ein Kurzroman von Arthur Schnitzler (1862–1931), der als innerer Monolog der Protagonistin konzipiert ist. Auf der Rückseite der Adelphi-Ausgabe, die zwar anonym ist, aber wie tausend andere von Roberto Calasso verfasst wurde (sein Stil ist unverkennbar), wird das Werk mit folgenden Worten vorgestellt: „In Schnitzlers Werk ist Fräulein Else eine wunderbare Melodie, die demjenigen, der sie auch nur ein einziges Mal gehört hat, immer wieder im Ohr nachklingt. Schon von den ersten Takten an und dann immer mitreißender bis zum Ende spüren wir den stürmischen Puls des Blutes und der Worte, die im Kopf von Else, der „hochmütigen“, lebhaften und leidenschaftlichen Jugendlichen, kreisen. Über ihren unruhigen Urlaub in den Alpen, schwebt eine familiäre Katastrophe.“ Ihrem Vater, ein angesehener Wiener Anwalt, droht wegen Spielschulden eine Gefängnisstrafe, und ihre Mutter, die als Sprachrohr ihres Mannes fungiert, schreibt ihrer Tochter, die sich im Urlaub in San Martino di Castrozza befindet, einen Brief, in dem sie sie anfleht, der Forderung eines reichen Freundes der Familie nachzugeben, der bereit ist, das nötige Geld zu geben, sofern die junge Else sich bereit erklärt, sich vollständig nackt zeigen zu lassen. Daraus entsteht der innere Konflikt des Mädchens angesichts dieser schändlichen Erpressung, der tragisch enden wird. Anhand von Elses Dilemma entlarvt Schnitzler die gesamte Heuchelei und Scheinheiligkeit einer Gesellschaft, die vom Geld als absolutem Wert beherrscht wird und zu allem bereit ist, um ein gesellschaftliches Scheinansehen zu retten.

In der Theateradaption von Leonie Böhm und Julia Riedler für das Volkstheater Wien bewegt sich Julia Riedler eineinhalb Stunden lang frei zwischen den Zuschauer:innen in einem beleuchteten Saal, spricht das Publikum direkt an, befragt es, lässt es an ihren inneren Fragen teilhaben und bittet schließlich um Rat, wie sie weiter vorgehen soll. Dann steigt sie auf die Bühne und von dort auf einen großen, beleuchteten Kronleuchter und beginnt zu schaukeln, fast als wäre es die Kindheitserinnerung einer Schaukel. In diesem Fall ist die Einbeziehung des Publikums kein banaler szenischer Kunstgriff, wie er im deutschen Theater übrigens häufig vorkommt, sondern entspricht einer dramaturgischen Notwendigkeit und der Absicht, die Zuschauer:innen dazu aufzufordern, Verantwortung zu übernehmen. Auf diese Weise gewinnt Schnitzlers Text mit Nachdruck an Aktualität und hinterfragt die heutige Gesellschaft nicht weniger als die vor einem Jahrhundert. Außergewöhnlich ist die Darstellung von Julia Riedler: Für alle, die sie gesehen haben, für alle, die ihr auch nur ein einziges Mal zugehört haben, wird Fräulein Else für immer ihre Stimme haben.

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Bei den Berliner Festspielen wurde am Sonntag, dem 10. Mai, Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen aufgeführt, ein über siebenstündiges (mit langen Pausen) Stück in sieben Akten der Münchner Kammerspiele unter der Regie von Jan-Christoph Gockel, das Schillers Text mit der Geschichte des Kochs Prigožin und der Söldner der Wagner-Truppe verknüpft (beim Schlussapplaus präsentiert sich eine regelrechte Armee aus Schauspieler:innen und Mitarbeiter:innen). Das Stück beginnt in einer Küche, die an Weskers The Kitchen erinnert, hierarchisch unterteilt in Köche und Küchenhilfen, die hektisch bei der Arbeit sind. Dramaturgisch rahmen die „Zwischenspiele“ von Serge das Geschehen ein, gespielt vom echten Russen Sergei Okunev, einer erwachsenen Version von Harry Potter, ausgestattet mit Zauberstab und Tarnumhang, der das Putin-Thema einführt. Nachdem der Zusammenhang zwischen Aktualität und Geschichte geklärt wurde (das Programmheft, ein sorgfältig gestaltetes und bildreiches Dokument, verkündet lautstark den Slogan „Der Krieg ernährt den Krieg“), nimmt das Stück mit einer Flut von Einfällen Fahrt auf.  In einer Art Reality-Show begleitet die Steadicam den Gesandten des österreichischen Kaisers Questenberg, gespielt von André Benndorff, vor das Theater, wo er Passanten zu Wallenstein befragt, bis er schließlich auf die Piccolominis trifft – Vater (Annette Paulmann) und Sohn (Annika Neugart) – an einem Tisch in einem Café in der Nähe des Theaters. Man ist Zeuge der wiederholten Einbeziehung des Publikums, das eher amüsiert als genervt ist, als es für den Tumult des russischen Festes auf die Bühne gerufen wird. Und wieder, in der Pause, während der Großteil der Zuschauer:innen auf der Suche nach einem Hotdog und einem Bier oder einem Glas Wein ist, findet auf der Bühne das Abendessen für Dutzende von Gästen statt (italienisches Menü mit einem Soundtrack, der von Minas Tintarella di luna bis zu Rita Pavones Pappa col pomodoro reicht). In einer Art bulimischem Katalog von Spezialeffekten schreitet die Show in verschiedene Richtungen voran, bis hin zu den beiden abschließenden Monologen, die Samuel Koch als Wallenstein in einer Chroma-Key-Version und der talentierten Katharina Bach, Darstellerin von Illo, anvertraut sind, die sich endlich von ihrer machistischen Latexverkleidung befreit.

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Es ist nicht die vie en rose, die das von Paula Wellmann entworfene Bühnenbild für Die Welt im Rücken vermuten lassen würde, einer Produktion des Stuttgarter Schauspiels unter der Regie von Lucia Bihler, in der dramaturgischen Bearbeitung von Gwendolyne Melchinger des mehrfach preisgekrönten autobiografischen Romans von Thomas Melle (Bonn 1975), einem erfolgreichen Schriftsteller, dem es nicht an Auszeichnungen mangelt. Melle, der an einer bipolaren Störung leidet, schildert den Abgrund der Krankheit, das Schwanken zwischen manisch-depressiven Phasen und euphorischen Zuständen. Der Autor begleitet die Leser auf dem Abstieg in die Unterwelt der Krankheit, von der Diagnose über die Behandlungen mit Psychopharmaka, die den Stoffwechsel des Patienten beeinflussen und sein äußeres Erscheinungsbild verändern, bis hin zu Visionen virtueller Begegnungen mit dem Dichter Enzensberger, dem Regisseur Alexander Kluge und der Sängerin Madonna, die in der endgültigen Verwandlung in Superman gipfeln. In dem Stück verleiht die hervorragende Paulina Alpen, eine Art groteske Clownfigur, umgeben von sechs Doppelgängern, Thomas Melle eine Stimme, in einer detaillierten Auseinandersetzung mit einer psychischen Störung, die den Protagonisten sozial isoliert, ihn seiner Vergangenheit beraubt und ihn einer ungewissen Zukunft ausliefert, die von Rückfällen geprägt ist. Gleichzeitig regt es zum Nachdenken über die fließende Grenze zwischen Normalität und sozialer Stigmatisierung an. Als Kontrast dazu dient ein Bühnenbild aus einem großen rosa Vorhang, der die Protagonistin verschlingt, in einem Raum mit rosa Boden, auf dem eine drehbare rosa Leiter steht, die zur Dynamik einer szenischen Handlung beiträgt, die im Wesentlichen auf das gesprochene Wort setzt.



Ein Standfoto aus "Die Welt im Rücken" 
 © Julian Baumann


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Der Hauptmann von Köpenick (1931) von Carl Zuckmayer (1896–1977), Drehbuchautor des berühmten Films Der blaue Engel, ist nach Definition des Autors „ein deutsches Märchen in drei Akten“, das 1956 von Helmut Käutner mit dem beliebten Schauspieler Heinz Rühmann in der Rolle des Schuhmachers Wilhelm Voigt (1849–1922) – einer einzigartigen, tatsächlich existierenden Betrügerfigur – auf die Leinwand gebracht wurde. Sein berühmtester Betrug, der ihm internationale Bekanntheit einbrachte, wird unter Zuckmayers Feder zu einer lebhaften und leichtfüßigen Satire auf den preußischen Militarismus und den Autoritarismus im Allgemeinen. Erzählt werden die Wechselfälle des unglücklichen Voigt, der immer wieder ins Gefängnis kommt und wieder entlassen wird, wo er lange Haftzeiten verbringt, während derer er das Schuhmacherhandwerk erlernt und sich mit der vom Gefängnisdirektor auferlegten militärischen Disziplin vertraut macht. Nach seiner Freilassung stößt er auf die Bürokratie, die ihm mit perverse Logik keinen Reisepass ohne Wohnsitz gewährt, ihm aber umgekehrt auch keinen Wohnsitz ohne Reisepass anerkennt. Verzweifelt schmiedet Voigt einen Streich und schlüpft, nachdem er sich eine Hauptmannsuniform gekauft hat, in diese Rolle. Er nutzt den angeborenen preußischen Respekt vor der Autorität aus, hält eine Soldatenpatrouille an und erobert auf deren Befehl hin unter Berufung auf Befehle von oben das Rathaus von Köpenick, verhaftet die dortigen Würdenträger und verschwindet anschließend ungestört mit der Kasse.

Die Inszenierung des Staatstheaters Cottbus, der zweitgrößten Stadt Brandenburgs nach Potsdam, nimmt die gesamte Bühne des Hauses der Berliner Festspiele ein – mit einer riesigen Puppenbühne, die so hoch ist wie die Hinterbühne und die Fassade des Cottbuser Theaters nachbildet, überragt von der Aufschrift „Der deutschen Kunst“. Beim Öffnen des großen goldenen Vorhangs erscheinen die Darsteller:innen halbfigurig mit den Bewegungen von Handpuppen und Marionetten, die von Zeit zu Zeit darüber klettern, um die Vorbühne zu erreichen. Die mit Pailletten glitzernden Kostüme unterstreichen den grotesken Charakter einer schillernden Inszenierung voller szenischer Einfälle in einer Fellini-artigen Atmosphäre, die zwischen Zirkus und Varieté schwebt. Während die Darsteller:innen mit dem Berliner Akzent spielen, betont der Regisseur Sebastian Hartmann, ohne sich allzu sehr um die Treue zum Originaltext zu kümmern, den fantastischen Aspekt des Stücks und lädt die Zuschauer:innen ein, ihm in seine magische Welt zu folgen.



Ein Standfoto aus "Der Hauptmann von Köpenick" 
 © Bernd Schönberger


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Aus programmtechnischen Gründen war es nicht möglich, eine der mit größter Spannung erwarteten Aufführungen zu sehen, nämlich A Year without Summer von Florentina Holzinger, die im Oktober an der Volksbühne auf dem Programm steht. In Erwartung dessen geben wir hier die Begründung der Kritikerin Christine Wahl für die Jury des Theatertreffens wieder: „Was tut man in einem, Jahr ohne Sommer‘, in dem Vulkanausbrüche und Temperaturstürze die Welt verdüstern? Die damals 18-jährige Autorin Mary Shelley erdachte in einem solchen Sommer anno 1816 das Monster Frankenstein. Und Florentina Holzinger führt alle Ereignisse zusammen und unternimmt mit ihren Performer*innen, zu denen diesmal auch eine Crew von teilweise über 80-jährigen Akteur*innen gehört, einen ebenso wilden wie ungemein luziden Ritt durch die Optimierungsgeschichte des Homo sapiens. In spektakulären und höchst komplexen Bildern führt sie den Status quo des Planeten mit der Verfallsbiografie des menschlichen Körpers zusammen und fragt – während die Roboterhunde bereits zum Angriff rüsten – nach Fluch und Verheißung des ewigen Lebens. Der Düsternis zum Trotz geschieht all das in Form eines gedanklich wie visuell überbordenden Musicals, an dessen Ende die buchstäblichste Kunst-Fäkal-Orgie der Theatergeschichte steht. Wie hier in der denkbar schonungsfreiesten Wahrheit eine absolut kitschfreie Utopie aufscheint, das hat man im Theater so noch nie gesehen.“

 

Cast & Credits

Il Gattopardo

von Giuseppe Tomasi di Lampedusa; aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber; Bühnefassung von Pinar Karabult und Hannah Schünemann. Premiere: Schauspielhaus Zürich 29 November 2025.

Regie Pinar Karabulut; Bühne Michela Flück; Kostüme Sara Valentina Giancane; Musik Daniel Murena; Licht Michel Güntert; Dramaturgie Hannah Schünemann.

Besetzung: Markus Scheumann (Don Fabrizio, Fürst von Salina); Sabine Waibel (Maria Stella Corbera, Fürstin von Salina); Sophia Mercedes Burtscher (Concetta Corbera von Salina); Peter Knaack (Pater Saverio Pirrone); Mouataz Alshatouh (Tancredi Falconeri); David Rothe (Paolo Corbera von Salina, Herzog von Querceta/Carlo Cavriaghi, Graf aus Mailand); Alexander Angeletta (Don Calogero Sedara); Mirjam Rast (Angelica Sedara); Michaael Neuenschwander (Don Ciccio Tumeo); Pino Simili (Mimi); Lukas Rathjen (Pastorello/Domenico); Ronja Melissa Leute (Carolina/Luigi).

Mephisto

nach dem Roman einer Karriere von Klaus Mann. Premiere: Münchner Kammerspiele 28 Februar 2025.

Regie Jette Steckel; Bühne Florian Lösche; Kostüme Pauline Hüners; Musik Mark Badur, Elias Krischke; Lichtdesign Maximilian Kraußmüller; Fassung Emilia Heinrich, Jette Steckel, Johanna Hömann; Dramaturgie Johanna Hömann, Theresa Schlesinger, Carl Hegemann.

Besetzung: Thomas Schmauser (Hendrik Höfgen); Erwin Aliukić (Theophil Marder/Cäsar von Muck/Gottfried Benn); Bless Amada (Julien Martens); Johanna Eiworth (Dora Martin/Lotte Lindenthal); Elias Krischke (Hans Miklas, Live-Schlagzeug und Vibraphon); Linda Pöppel (Barbara Bruckner); Maren Solty (Nicoletta von Niebuhr); Edmund Telgenkämper (Intendant Kroge/Professor/Ministerpräsident); Martin Weigel (Otto Ulrichs).

Die Glasmenagerie

ein Spiel der Erinnerungen von Tennessee Williams. Premiere: Theater Basel 30 Januar 2025.

Inszenierung Jaz Woodcock-Stewart; Bühne und Kostüme Rosie Einile; Sounddesign Josh Grigg; Lichtdesign Alex Fernandes; Dramaturgie Inga Schonlau.

Besetzung Hilke Altefrohne (Amanda Wingfield, die Mutter); Jan Bluthardt (Tom Wingfield, ihr Sohn); Antoinette Ulrich (Laura Wingfield, ihre Tochter); Julian Anatol Schneider (Jim O’Connor, ein junger Mann); Thomy Riedtmann (Statisterie).

Serotonin

nach dem Roman Sérotonine von Michel Houellebecq; aus dem Französischen von Stephan Kleiner; Theaterfassung von Sebastian Hartmann. Premiere: Hans Otto Theater, Potsdam 13 Dezember 2025.

Regie und Bühne Sebastian Hartmann; Licht Lothar Baumgarte; Kostüme Adriana Braga Peretzki; Dramaturgie Christopher Hanf.

Besetzung Guido Lambrecht.

Fräulein Else

frei nach Arthur Schnitzler von Leonie Böhm und Julia Riedler. Premiere; Volkstheater Wien 8 Februar 2025.

Konzept Leonie Böhm und Julia Riedler; regie Leonie Böhm; Bühne und Kostüm Belle Santos; Lichtdesign Ines Wessely; Dramaturgie Matthias Seier; Co-Dramaturgie Vorproben Helena Eckert.

Besetzung Julia Riedler (Else).

Wallenstein

ein Schlachtfest in sieben Gängen, nach Friedrich Schiller. Premiere: Münchner Kammerspiele 4 Oktober 2025.

Regie Jan-Christoph Gockel; Bühne Julia Kurzweg; Kostüme Janina Brinkmann; Musik/Komposition (Live-Musik) Maria Moling; Videodesign Lion Bischof; Lichtdesign Christian Schweig, Stephan Mariani; Puppenbau Michael Pietsch; Piccolomini-Menü Annette Paulmann; Dramaturgie Viola Hasselberg, Claus Philipp; Dramaturgische Mitarbeit und Recherche Sergei Okunev; Musik Mitarbeit Cico Beck; Übertitel Yvonne Griesel (SPRACHSPIEL).

Besetzung Katharina Bach (Illo); André Benndorff (Questenberg); Johanna Eiworth (Isolan/Zhenya); Nadège Meta Kanku (Thekla, Wallensteins Tochter); Samuel Koch (Wallenstein); Annika Neugart (Max Piccolomini, Octavios Sohn); Annette Paulmann (Octavio Piccolomini); Michael Pietsch (Graf Terzky); Maria Moling (Seni und Live-Musik); Sergei Okunev (Serge – ein Typ aus Russland im Mantel und mit einem Zauberstab); Pari Garvanos (Buttler).

Die Welt im Rücken

von Thomas Melle in einer Bühnefassung von Lucia Bihler und Gwendolyne Melchinger. Premiere: Schauspiel Stuttgart 27 September 2025.

Regie Lucia Bihler; Bühne Paula Wellmann; Kostüme Victoria Behr; Musik Sixtus Preiss; Choreografie Björn Leese; Outside Eye Mats Süthoff; Licht Felix Dreyer; Dramaturgie Gwendolyne Melchinger.

Besetzung: Paulina Alpen (Thomas Melle); Tim Bülow (Doppelgänger); Pauline Großmann (Doppelgänger); Felix Jordan (Doppelgänger); Mina Pecik (Doppelgänger); Karl Leven Schroeder (Doppelgänger); Silvia Schwinger (Doppelgänger).

Der Hauptmann von Köpenick

ein deutsches Märchen von Carl Zuckmazer. Premiere: Staatstheater Cottbus 20 September 2025.

Regie und Bühne Sebastian Hartmann; Kostüme Adriana Braga Peretzki; Lichtdesign Lothar Baumgarte; Dramaturgie Leonie Hahn.

Besetzung: Torben Appel, Gunnar Golkowski, Benjamin Kühni, Charlotte Müller, Ariadne Pabst, Markus Paul, Charlie Schülke, Lucie Luise Thiede.