Jura Soyfer
Teatro I e II

A cura di Hermann Dorowin
Traduzione di Laura Masi

Perugia, Morlacchi, 2011, pp. 324, € 15,00
ISBN 9788860743862

Data di pubblicazione su web 04/04/2011

Teatro I e II

Mit Freude und großem Interesse begrüßen wir die von Hermann Dorowin herausgegebene Ausgabe, die endlich eine Lücke in der italienischen Rezeption der Werke Jura Soyfers schließt. Der satirische und lyrische Dichter, Journalist, Theater- und Prosaautor Soyfer gilt als eine Ausnahme innerhalb des österreichischen Kulturlebens der 30er Jahre.  1912 in der Ukraine geboren und in Wien aufgewachsen, nahm er als engagierter sozialistischer und später kommunistischer Intellektueller persönlich an den dramatischen Ereignissen seiner Zeit teil, in Jahren die bei vielen Autoren von einer Schaffenskrise und der Flucht in die habsburgische Vergangenheit gekennzeichnet waren. Schon 1946 erschien das Dachau Lied Soyfers in der italienischen Übersetzung von Franco Fortini in einer Sondernummer des «Politecnico», die dem “Roten Wien” und dem Austrofaschismus gewidmet war.

 

Ab den 80er Jahren hat auch in Italien eine kleine, aber sehr aktive Gruppe von Lesern und Forschern sich mit Soyfers Oeuvre befasst. So wurden eine Auswahl seiner Gedichte und Prosaschriften und der Roman So starb eine Partei ins Italienische übertragen, einige Stücke erfolgreich aufgeführt, Symposien organisiert und eine Reihe von wissenschaftlichen Abhandlungen verfasst. Die ausführliche Bibliographie, die am Schluss dieser Sammlung der besten Theaterschriften Soyfers zu lesen ist, zeigt außerdem das internationale Interesse für das Gesamtwerk. Wie auch der Herausgeber betont, übt noch heute die Figur Soyfers eine große Faszination aus. Die Phantasie, Ironie und Vitalität seiner Schriften treten noch mehr angesichts des frühzeitigen Todes im KZ Buchenwald als Kontrast hervor. Die originelle und scharfsinnige Produktion Soyfers gibt, wie vielleicht keine andere, die Atmosphäre Österreichs vor dem Anschluss wieder. So zeichnet Dorowin in seiner erhellenden Einführung ein sorgfältiges und bewegtes Bild eines Menschenlebens und einer Epoche. Das Werk des Autors wird dabei mit der spezifischen österreichischen Kulturtradition und zugleich mit einer europäischen Entwicklung in Beziehung gesetzt, und in die kulturelle Debatte und die politischen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit eingebettet. 

 

Leider sind uns nur fünf der Komödien Soyfers erhalten geblieben. Sie wurden zwischen 1935 und 1937 für die kleinen Theaterbühnen geschrieben, die in den Wiener Kaffeehäusern entstanden waren, um der Zensur und den Kontrollen des Regimes irgendwie zu entgehen. Trotz der prekären Lage und des Mangels an Geld und technischen Mitteln versuchte Soyfer, als aufmerksamer Kenner der Wiener Theatertradition, das Volkstheater zu erneuern. Seine Stücke für die Kleinkunstbühnen waren dementsprechend keineswegs einfache Kabarettprogramme; sie nehmen vielmehr das komische Theater von Nestroy oder Raimund zum Vorbild, d.h. ein phantasievolles und erfindungsreiches Theater, das imstande ist, sowohl das Publikum zu amüsieren, als auch dringende Fragen der Gegenwart ernst zu behandeln. So entstanden die Dramen: Weltuntergang, eine ironische Betrachtung des menschlichen Verhaltens vor einer angekündigten und kurz bevorstehenden Katastrophe; Der Lechner Edi schaut ins Paradies, eine phantastische Zeitreise in die Vergangenheit eines ehemaligen Arbeiters auf der Suche nach den Gründen der Arbeitslosigkeit; Astoria, eine groteske Farce über einen Betrug mittels eines erfundenen Staates ohne Territorium, der sich zu einer perfekten, profitbringenden und repressiven Staatsmaschine entwickelt; Vineta, die halluzinierte Metapher einer Geisterwelt, die sich in einer im Meer versunkenen Stadt abspielt; Broadway-Melodie 1492, eine Bearbeitung des Dramas Kolumbus von Tucholsky und Hasenclever, die die Entdeckung Amerikas im anti-imperialistischen Sinn neu interpretiert. 

 

Die ausgezeichnete Übersetzung von Laura Masi vermag es, die Lebendigkeit und Heiterkeit dieser Komödien zu vermitteln. Auch wenn es nicht immer möglich ist, allen Dialektausdrücken und Sprachspielen gerecht zu werden, vermittelt der italienische Text, dank der treffenden und ausgewogenen Wahl sprachlicher Lösungen, die typische Soyfersche Mischung aus leichtem Ton und Ernsthaftigkeit der behandelten Themen. In den Stücken Soyfers wird die Satire der Aktualität zur Analyse und Anklage von menschlichem Verhalten und sich wiederholenden Situationen. So weist Weltuntergang auf die bevorstehende Diktatur, ja auf den Krieg hin, veranschaulicht aber zugleich auch die Verblendung und Trägheit der Menschen, die unfähig sind, der Propaganda und der Werbung zu widerstehen, und beleuchtet die problematische Beziehung zwischen Intellektuellen, Wissenschaftern und Macht. Im Lechner Edi wird nicht nur das Problem der Arbeitslosigkeit behandelt, sondern auch das Verhältnis zwischen technischem, kulturellem und sozialem Fortschritt. Astoria deutet auf die Allianz zwischen dem klerikal-faschistischen Staat und Kapitalismus hin, auf die Mechanismen des Massenkonsenses. Ähnlich erinnert Vineta an das Wien vor dem Anschluss, veranschaulicht aber auch das beunruhigende Bild einer Gesellschaft, die ihre Geschichte vergessen und die Menschen entfremdet hat.

 

Die in der Einleitung enthaltene Analyse der einzelnen Stücke zeigt außerdem die Vielfalt im dramatischen Aufbau des Bühnengeschehens, z. B. die Verwendung einer phantastischen Rahmenhandlung um eine realistische Binnenhandlung, oder umgekehrt die Einrahmung irrealer Ereignisse zwischen realistischen Anfangs- und Schlussszenen. Die zwei Ebenen erhalten jeweils humoristische, satirische, groteske, traumhafte Züge, wobei die politische Dimension und die utopische Botschaft stets präsent sind. So finden wir neben amüsanten Szenen und witzigen Erfindungen, auch tragische und beklemmende Situationen, wie z.B. im Falle von Vineta. Besonders den in den Dramen enthaltenen Liedern vertraut Soyfer seine Anklage gegen soziale Ungerechtigkeit, seine psychologischen Beobachtungen, seine Hoffnungen auf eine Wiedergeburt der Menschheit an. Das vom Kometen Konrad gesungene Lied von der Erde in Weltuntergang oder Das Wanderlied in Astoria, so wie das Lied des einfachen Menschen (das in einem verloren gegangenen Theatertext enthalten war), gehören zu den besten Gedichten des Autors und drücken die Träume und Sehnsüchte einer ganzen Generation aus. 

 

Der der italienischen Übersetzung gegenüberstehende deutsche Text ermöglicht den unmittelbaren Vergleich mit dem Original, und der umfangreiche Kommentar erteilt sehr nützliche Informationen über den geschichtlichen Kontext und den Wiener Dialekt. Auch ohne auf diese Hilfsmittel zurückgreifen zu müssen, hat der italienische Leser jedoch die Möglichkeit, die Wirksamkeit des dramatischen Aufbaus dieser Stücke zu erfassen. Wie Dorowin bemerkt, entwickelt Soyfer seine Dramen mit großer Folgerichtigkeit und Sinn für die Inszenierung auf der Bühne um eine zentrale Idee oder um einen genialen Einfall. Wunsch der Herausgeber ist, dass diese Übersetzungen dazu beitragen mögen, die Texte Soyfers unter einem größeren Publikumskreis als bisher zu verbreiten. Wie schon einige erfolgreiche Inszenierungen von Stücken dieses frühzeitig mit 26 Jahren verstorbenen Autors gezeigt haben, sind sein Theater, seine Verse, sein Schicksal besonders geeignet, um einem jungen Publikum ernste und sogar tragische Themen näherzubringen und den Glauben an das Leben und an die Kunst auch in schwierigen Zeiten und unter extremen Bedingungen zu bewahren.


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JURA SOYFER - TEATRO (II)

Vineta

Broadway-Melodie 1492

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